Warum Startups selten Marken bauen — und welchen Preis sie dafür zahlen.
Garmisch-Partenkirchen, den 11.07.2026
Autor: Andreas Wiehrdt
DER IRRTUM, DEN FAST ALLE TEILEN
»Kannst du uns helfen, eine starke Marke aufzubauen?«
Diese Frage höre ich häufiger. Von Gründerinnen und Gründern, die wissen, dass Marke wichtig ist. Die es ernst meinen. Und die trotzdem — fast immer — das Falsche meinen, wenn sie ihn sagen.
Sie wollen ein cooles Logo. Eine moderne Farbpalette. Eine einprägsame Typografie. Eine professionelle Website. Kurz: ein Corporate Design (die visuelle Identität eines Unternehmens — Logo, Farben, Schriften, Gestaltungsregeln), das nach etwas aussieht.
Das ist legitim. Und es ist wichtig. Aber es ist nicht dasselbe wie eine Marke.
Sobald Logo, Farben und Website stehen, passiert fast immer dasselbe: Der Fokus schwenkt zurück auf die vermeintlich dringenden Dinge. Product-Market-Fit (die Übereinstimmung zwischen Produkt und Marktnachfrage). Sales. Hiring. Fundraising. Die eigentliche Markenarbeit wird auf unbestimmte Zeit verschoben.
Und bleibt es.
Der Grund ist einfach: Corporate Design ist lieferbar. Du beauftragst Designer, bekommst nach ein paar Wochen ein Ergebnis und hakst den Punkt ab. Markenaufbau funktioniert anders. Er ist kein Projekt mit Abgabetermin. Er ist ein Prozess — ohne sichtbares Zwischenergebnis, ohne einfache Erfolgsmessung, ohne klares Ende.
Was nicht messbar ist, wird nicht priorisiert. Was nicht priorisiert wird, passiert nicht.
Das ist kein Vorwurf. Es ist meine Diagnose.
Aber eine mit Konsequenzen. Denn Corporate Design findest du in einem Manual. Die Marke findest du in den Köpfen deiner Zielgruppe. Da entsteht sie aber nicht durch ein Logo. Sie entsteht durch konsequentes Handeln über Zeit.
Und Zeit ist genau das, was Startups glauben, nicht zu haben.
Corporate Design ist die Verpackung — nicht die Marke. Was hinter dem Schaufenster fehlt, entscheidet über den langfristigen Erfolg. Abbildung: BrandDoctor, mit KI generiert.
WARUM DAS KEIN INDIVIDUELLES VERSAGEN IST
Wer ein Startup gründet, jongliert vom ersten Tag an mit zu vielen Bällen gleichzeitig.
Produkt bauen. Investoren überzeugen. Ein Team zusammenstellen. Prozesse aufsetzen. Und das alles meist mit einer Handvoll Menschen, die selbst noch herausfinden, wie sie zusammenarbeiten.
In dieser Phase ist die Frage nicht: »Was ist strategisch wichtig?« Die Frage ist: »Was brennt gerade am heißesten?«
Markenaufbau brennt nicht. Nicht sofort.
Ein fehlendes Logo fällt auf. Eine unprofessionelle Website kostet Vertrauen. Ein schwaches Pitch-Deck macht einen schlechten Eindruck bei Investoren. Das sind sichtbare Probleme — und sie werden gelöst. Mit Corporate Design.
Was nicht sofort sichtbar ist: dass die Marke keine klare Position im Kopf der Zielgruppe besetzt. Dass niemand im Markt ein präzises Bild davon hat, wofür das Unternehmen wirklich steht. Dass die Kommunikation auf Features zeigt — aber keine Haltung transportiert.
Das fällt erst später auf. Viel später.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Markenaufbau braucht eine Verantwortliche oder einen Verantwortlichen. In frühen Startup-Phasen gibt es diese Person schlicht nicht. Wenn überhaupt jemand für Marketing zuständig ist, liegt der Fokus auf dem, was unmittelbar zählt: Leads, Conversions, Pipeline. Das sind die Metriken, die Investoren sehen wollen. Das sind die Metriken, die den nächsten Monat sichern.
Markenstärke taucht in keinem dieser Dashboards auf.
Das ist kein Versagen einzelner Gründerinnen und Gründer. Es ist ein systemisches Muster. Die Strukturen, in denen Startups arbeiten, belohnen kurzfristige Sichtbarkeit — und machen langfristigen Markenaufbau unsichtbar.
Das Problem: Fehlende Markenarbeit bleibt zunächst folgenlos.
WARUM DER ERFOLG DIE GEFÄHRLICHSTE PHASE IST
Stell dir vor, das Produkt zieht. Die ersten Kundinnen und Kunden sind begeistert. Der Umsatz wächst. Investoren sind zufrieden. Das Team wird größer.
Das ist der Moment, in dem Markenaufbau spätestens beginnen müsste.
Es ist auch der Moment, in dem er am seltensten beginnt.
Denn wenn es läuft, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Das Produkt verkauft sich. Der Vertrieb funktioniert. Warum also Zeit und Geld in etwas investieren, das niemand gerade vermisst?
Diese Logik ist verständlich. Und sie ist gefährlich.
Die Marke? Bleibt auf der To-Do-Liste.
Das Corporate Design ist da. Die Website steht. Die Social-Media-Kanäle posten regelmäßig Produktneuigkeiten und Teamfotos. Nach außen sieht es nach Marke aus. Innen fehlt das Fundament: eine klare Position, eine konsistente Haltung, eine unverwechselbare Stimme.
Und dann passiert das, was immer passiert.
Der Markt reift. Wettbewerber tauchen auf. Andere Anbieter kopieren euer Produkt — oder bauen etwas Ähnliches. Plötzlich stehen mehrere gleichwertige Lösungen nebeneinander, die sich kaum unterscheiden. Zumindest nicht auf den ersten Blick.
In diesem Moment zeigt sich, was eine Marke wert ist. Oder wäre.
Wer bis dahin eine klare mentale Position in den Köpfen und Herzen der Kundinnen und Kunden besetzt, hat einen Vorsprung, den kein Wettbewerber mit dem nächsten Feature-Update einholen kann. Wer bis dahin über Corporate Design nicht hinausgekommen ist, steht vor einer unangenehmen Wahrheit: Das Produkt allein reicht nicht mehr aus.
Jetzt steht Markenaufbau ganz oben auf der To-do-Liste. Jetzt ist er dringend. Und dringend ist die schlechteste Voraussetzung für gute Markenarbeit.
Wer feiert, wenn der Markt läuft, bemerkt die Nachahmer oft zu spät. Markenaufbau beginnt genau dann — nicht danach. Abbildung: BrandDoctor, mit KI generiert.
WAS PASSIERT, WENN DER MARKT REIFER WIRD
Vor einigen Jahren begleitete ich ein Münchener Startup in einer traditionellen, wenig digitalisierten B2B-Branche. Frühes Produkt, echtes Problem, keine vergleichbare Alternative im DACH-Raum. Das Unternehmen wuchs — solide, ohne großen Marketingaufwand.
Markenaufbau? Kein Thema. Der Markt lief.
Dann kam, was immer kommt. Erst ein Wettbewerber. Dann zwei. Dann der Marktführer aus den USA. Alle mit ähnlichen Produkten, ähnlichen Features, ähnlichen Versprechen auf ähnlichen Websites.
Seitdem entscheiden Kundinnen und Kunden nach Preisliste. Nicht weil das Produkt schlechter geworden wäre. Sondern weil niemand in diesem Markt eine klare Position im Kopf der Zielgruppe besetzt hat. Kein Unternehmen hat sich unverwechselbar gemacht. Niemand hat einen Grund geliefert, ohne Preisvergleich zu entscheiden.
Feature-Wettkämpfe enden immer gleich: Preisdruck, sinkende Margen, ein Wettbewerb, den niemand gewinnen kann — weil das nächste Konkurrenz-Update immer nur einen Sprint entfernt ist.
Was dieses Startup jetzt braucht, sind keine neuen Features. Es braucht eine Position.
Und das Paradoxe: Diese Position ist noch frei. Das Fenster ist offen — aber es schließt sich.
WARUM DAS EINE CHANCE IST — NICHT NUR EIN PROBLEM
In den meisten Startup-Märkten ist der Markenplatz noch frei.
Nicht weil Marke unwichtig wäre. Sondern weil alle denselben Fehler machen. Alle investieren in Features. Alle optimieren ihre Conversion-Rates. Alle schalten Performance-Ads. Und alle nennen das Marketing.
Was dabei fast niemand tut: eine klare, unverwechselbare Position im Kopf der Zielgruppe besetzen.
Das bedeutet: Wer es tut, hat das Feld für sich.
Mentale Positionen funktionieren nach einem einfachen Prinzip. Im Kopf deiner Zielgruppe gibt es für jede relevante Kategorie nur wenig Platz — meist für einen, maximal zwei Namen. Wenn jemand an »schnelles Paketversenden« denkt, fällt ihr oder ihm ein Name ein. Wenn jemand an »günstige Flüge« denkt, auch. Diese Position ist nicht das Ergebnis des besten Produkts. Sie ist das Ergebnis konsequenten Markenaufbaus über Zeit.
Und sie ist, einmal besetzt, extrem schwer zu verdrängen.
Kein Wettbewerber kann sie mit einem Feature-Update kopieren. Kein Konkurrent kann sie mit einem niedrigeren Preis kaufen. Eine starke mentale Position ist das Einzige im Wettbewerb, das wirklich nicht imitierbar ist.
Jetzt zurück zu deinem Markt.
Wenn alle Wettbewerber auf Features oder günstige Preise setzen und niemand eine klare Markenposition besetzt hat — dann ist das kein Zeichen, dass Marke in dieser Branche nicht funktioniert. Es ist ein Zeichen, dass der Platz noch frei ist.
Das ist keine Bedrohung. Das ist eine Einladung.
Die einzige relevante Frage ist: Wie lange noch?
Denn irgendwann wird jemand in deinem Markt verstehen, was du gerade liest. Und dann ist der Platz weg.
WAS DU JETZT KONKRET TUN KANNST
Markenaufbau klingt nach einem großen Projekt. Nach Strategie-Workshops, Agenturbriefings, Monaten der Konzeption.
Das stimmt — irgendwann. Aber nicht am Anfang.
Am Anfang reichen drei Fragen. Und die Bereitschaft, sie ehrlich zu beantworten.
Frage 1: Wofür stehst du — jenseits deines Produkts?
Nicht: Was kann deine Software? Sondern: Was macht dein Unternehmen zu mehr als einer Lösung? Welche Haltung vertrittst du? Welche Werte trägt deine Marke — und zwar so, dass Kundinnen und Kunden dich wählen würden, selbst wenn ein Wettbewerber morgen dasselbe Produkt zu einem niedrigeren Preis anbietet?
Eine starke Marke ist keine Funktionsbeschreibung. Sie ist eine emotionale Entscheidung — die Entscheidung, mit wem man zusammenarbeiten will. Menschen kaufen nicht nur Produkte. Sie kaufen Vertrauen, Haltung, Zugehörigkeit. Das gilt im B2C-Markt (Geschäfte zwischen Unternehmen und Endkonsumentinnen und -konsumenten). Und es gilt genauso im B2B (Geschäfte zwischen Unternehmen).
Schreib die Antwort in einem Satz auf. Wenn das nicht gelingt, ist die Position noch nicht klar genug.
Frage 2: Wann fängst du an?
Markenaufbau braucht Zeit. Nicht weil er kompliziert ist — sondern weil mentale Positionen sich langsam aufbauen. Durch konsequentes Handeln. Durch konsistente Kommunikation. Durch Entscheidungen, die immer wieder dieselbe Haltung zeigen.
Wer heute anfängt, hat in zwölf Monaten einen Vorsprung, den kein Wettbewerber mit einem Feature-Update einholen kann. Wer wartet, bis der Markt enger wird, fängt unter Druck an. Und Druck ist die schlechteste Voraussetzung für gute Markenarbeit.
Der beste Zeitpunkt war gestern. Der zweitbeste ist heute.
Frage 3: Wer ist bei euch verantwortlich für Marke?
Das ist die unbequemste der drei Fragen.
Markenaufbau passiert nicht von allein. Er braucht eine Person, die ihn verantwortet — nicht nebenbei, nicht als fünfte Priorität, sondern als echte Aufgabe mit echtem Gewicht. Jemanden, der oder die nicht nur Kampagnen schaltet, sondern die Frage stellt: Bauen wir gerade eine Marke — oder nur Sichtbarkeit?
Wenn diese Person in eurem Unternehmen nicht existiert, ist das die eigentliche Baustelle.
Ihr müsst diese Rolle nicht sofort besetzen. Aber ihr müsst entscheiden, wer sie übernimmt. Auch wenn es zunächst eine Gründerin oder ein Gründer selbst ist.
Denn Marke ohne Verantwortung bleibt das, was sie bei den meisten Startups ist: eine gute Absicht. Auf unbestimmte Zeit verschoben.
Drei Fragen. Kein Workshop nötig. Kein Agenturbudget. Nur die Bereitschaft, den Unterschied zwischen einer Verpackung und einer Marke endlich ernst zu nehmen.
Die wichtigste strategische Frage für jedes Startup lautet nicht »Was kann unser Produkt?« — sondern »Wofür stehen wir?« Abbildung: BrandDoctor, mit KI generiert.
»Innovation claims market territory. Brand keeps market territory.«
Diesen Satz habe ich vor einiger Zeit gelesen. Er hat mich nicht losgelassen — weil er so präzise beschreibt, was ich in meiner Beratungsarbeit immer wieder sehe.
Startups sind oft brillant darin, Territorium zu erobern. Sie erkennen Lücken. Sie bewegen sich schnell. Sie bauen Produkte, die echte Probleme auf neue Art und Weise lösen.
Aber ihr neu gewonnenes Territorium halten?
Das ist eine andere Disziplin. Eine, die andere Werkzeuge braucht. Andere Prioritäten. Einen anderen Zeithorizont.
Und eine, die fast immer angegangen wird, wenn es eigentlich zu spät ist.
👉 »15 essenzielle Fragen zur Markenstrategie, die sich jedes Start-up stellen sollte«
Wenn du jetzt konkret loslegen willst: Hier findest du einen strukturierten Fragenkatalog, der dich Schritt für Schritt durch den Aufbau einer tragfähigen Markenstrategie führt.
👉 »Positioning: Wie Marken selbst in übersättigten Märkten profitabel wachsen« (https://www.brand-doctor.net/blog/positioning) — Was eine echte Markenposition ausmacht, wie du sie entwickelst und warum Positionierung die Königsdisziplin der Markenstrategie ist.
Der BrandDoctor hilft bei wichtigen Markenentscheidungen mit Tragweite. Als BrandDoctor helfe ich Unternehmern, Gründern und Marketingverantwortlichen sowie Marken- und Designagenturen dabei, ihre wichtigen Marken- und Marketingentscheidungen professionell und Erfolg versprechend zu treffen. Mit innovativen Tools unterstütze ich sie, das wichtige strategische Fundament dafür zu legen, mit ihren Marken nachhaltig erfolgreich am Markt zu agieren.
Über den Autor: Andreas Wiehrdt entwickelt und revitalisiert Marken seit über 20 Jahren. Allein, als Markenstrategieberater oder im Team mit erfahrenen Spezialisten aus seinem Kompetenznetzwerk.